Freitag, 24.5.2013
Zugegeben, ein nur monatlich oder gar vierteljährlich mit einem Eintrag bedachtes Logbuch verdient den Namen Tagebuch nur schwerlich oder gar nicht. Und dennoch möchte ich eben jenen Namen beibehalten; schon allein, weil es doch immer wieder die täglich/alltäglichen Dinge sind die den leicht erregbaren Ärger des Wutbloggers heraufbeschwören; wie eben gerade erst wieder geschehen. Und so reihe ich dieses Erlebnis an das vorausgegangene an, als wäre jenes erst gestern passiert, und hoffe, man möge mir jegliche durch den Namen verursachte Irritation verzeihen.

Dass die Regionalzüge der Bahn nicht zu den komfortabelsten und geräumigsten gehören, ist wohl bekannt. Jeder dürfte sich schon einmal in einer der vielen ‘Bahn-Rushhours‘ (gefühlte 24 Std./Tag 7x/Woche) seine Knie an denen des Gegenübers oder an der Rückenlehne des Vordermannes (oder der Vorderfrau) wundgescheuert haben. Ob in der oberen oder der unteren Etage. D.h. wenn man überhaupt das Glück hatte, einen Sitzplatz zu ergattern (Reservierungen sind ja hier leider Fehlanzeige!). Öfters stand man dagegen bestimmt bequem auf Tuchfühlung mit anderen Mitreisenden, zwischen Taschen und Koffern eingezwängt, und überlegte sich nicht nur einmal, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, sich zu Hause mit Schmierseife einzuseifen, um dem Schaffner oder einem anderen Passagier das Durchquetschen zu erleichtern. Manches Mal hat man bestimmt auch schon die mit Müll oder Straßendreck verunreinigte Treppe dem “Kuschelstehplatz” vorgezogen. All dies ist schon so sehr zur Gewohnheit geworden, dass nicht einmal ich mich mehr ernsthaft darüber aufregen kann. Wenn in ein solches Szenario jedoch individueller Egoismus und hemmungslose Schamlosigkeit platzt, läuft das Fass über.

So saßen sich doch in mitten eines wie eben beschriebenen Wagons, zwei (offenbar) Eheleute reiferen Alters in sich zugewandten Sitzen gegenüber. Beide am Fenster, beide vergnügt ein Bierchen schlürfend, einen Koffer aus Platznot neben sich zwischen die beiden Gangsitze geparkt (auf Verstauraum ist in diesen Zügen ja leider fast gänzlich verzichtet worden – na wer reist heute auch schon noch mit Gepäck?). Dies ist natürlich schon ärgerlich, doch auch das hätte man von seinem Stehplatz aus gerade noch akzeptieren können, wäre das Auge gleich darauf nicht auf zwei Sitze in unmittelbarer Nähe des Paares gefallen, welche komplett durch einen großen pinken Koffer belegt waren. Schnell zählte man 4+2 zusammen und kam zum Schluss, dass hier 2 Personen durch puren Egoismus 6 Sitzplätze belegten, ohne auch nur rot oder wenigstens orange dabei zu werden. Wie die beiden mit ihren Koffern durch den engen Gang überhaupt dorthin hatten gelangen können, bleibt ein Rätsel.
Doch es kam noch besser. Hatte ich insgeheim auf die Unterstützung eines Schaffners gehofft, welcher ja eigentlich ein Sprachrohr für ob so viel Unverfrorenheit sprachlose Fahrgäste sein sollten, so wurde ich bitter enttäuscht. Dieser Herr würdigte den Koffer nämlich keines Blickes, und wandte sich nur den Fahrkarten zu – dabei war der Koffer bestimmt ein Schwarzfahrer!

Als ich endlich doch einen Sitzplatz ergatterte, raste mein Puls noch immer vor Ärger, und verschiedene Fragen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Wo bleiben nur der Anstand und das Mitdenken? Werden wir in Zukunft auch mit der Bahn umziehen und mit unseren Möbeln die Sitze füllen? Und müssen immer die anderen für die eigene Bequemlichkeit leiden?
Was ist aus dem so viel gepriesenen Service geworden? Und wenn die Fahrpreise fast jedes Jahr aufs Neue erhöht werden müssen, sollte dann nicht auch das Personal entsprechend geschult, und Fahrzeuge entsprechend ausgestattet, bzw. genügend Fahrzeuge oder Reservierungsmöglichkeiten angeboten werden? Statt Antworten kam gottseidank bald meine Station, und ich durfte raus.